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Photo by CHRISTOF STACHE / AFP

Bayern-Beben: Quo Vadis FCB?

Der FC Bayern ist kein gewöhnlicher Verein. Alleine der Name und die Tradition der Münchener verpflichten sie jedes Jahr zu großen Erfolgen.

Folglich wäre der FC Bayern nicht der FC Bayern, wenn es nach dem Ausscheiden im Viertelfinale der Champions-League gegen den spanischen Underdog vom FC Villarreal nicht ein handfestes Bayern-Beben geben würde.

Eine solche Schmach ist für den stolzen Verein von der Isar nur schwer erträglich. Intern ist es, nach dem Verpassen des Minimalziels Halbfinale, am Brodeln.

Wo liegen die Gründe fürs Ausscheiden?

Wo muss der Kader nachgebessert werden, wo liegen die personellen und spielerischen Schwachstellen der Bayern 2022?

Wie wirkt sich das Ausscheiden auf das internationale Prestige und die Position des Vereins auf dem Transfermarkt aus?

Ist der FC Bayern für internationale Topspieler noch ein Karriereziel oder hat die Sparpolitik der letzten Jahre die Wahrnehmung verändert?

Es ist Zeit für eine Analyse und die Frage: Quo Vadis FC Bayern?

Die Bayern-Saison

Es scheint sicher, dass der FC Bayern sich auch die zehnte Deutsche Meisterschaft in Folge sichert.

Der Vorsprung auf Dortmund ist kurz vor Saisonende komfortabel. Über den Saisonverlauf hinweg kam nie wirklich große Spannung im Meisterschaftskampf auf.

Auch wenn es zwischenzeitlich so aussah, als könnte der BVB den Meisterschaftskampf spannend machen. Die Ligasaison der Bayern war alles in allem souverän.

So weit, so gut. Die Meisterschaft ist für den FC Bayern mittlerweile allerdings nur noch so etwas wie eine Formsache. Die Tatsache, dass es sich hier um den 10. Titel in Serie handelt, unterstreicht dies eindrucksvoll.

Außerdem könnten kritische Stimmen anmerken, dass die ungefährdete Meisterschaft der Bayern nicht nur auf die starken Leistungen der eigenen Mannschaft, sondern auch auf die Schwäche der Konkurrenz zurückzuführen ist.

Das Team ist zu abhängig von Robert Lewandowski, der schwächere Auftritte der Bayern häufig mit seinen Toren und seiner Klasse kaschiert.

Es lohnt sich also, auch einen Blick auf die Konkurrenz zu werfen, um das Ergebnis einzuschätzen.

Die Konkurrenz

Borussia Dortmund ist mit dem aktuellen Kader kein Titelkandidat.

Zu oft hat die Mannschaft gezeigt, dass in den entscheidenden Momenten Reife und (defensive) Qualität fehlt.

In großen Spielen wirkt die Mannschaft oft überfordert, fällt durch Unkonzentriertheiten auf und ist offensiv diese Saison zu abhängig vom oft verletzten Erling Harland. 

RB Leipzig wurde vor der Saison vom FC Bayern durch die Abwerbungen von Coach Julian Nagelsmann und Abwehrchef Upamecano entscheidend geschwächt. Die Hinrunde beendete man auf Rang 10 und konnte sich erst nach dem Trainerwechsel zu Domenico Tedesco signifikant steigern.

Leverkusen ist ein gutes Team, fällt aber qualitativ im Verhältnis zu Leipzig und Dortmund doch ab. Mit der Meisterschaft hat man (noch) nichts zu tun. Gladbach spielt eine absolute Seuchensaison und drohte teilweise sogar, in den Abstiegskampf zu rutschen.

Die Meisterschaft ist für den FCB in der aktuellen Saison also eine absolute Pflichtaufgabe.

Im DFB-Pokal haben die Bayern in der 2. Runde gegen Gladbach einen rabenschwarzen Tag erwischt. Mit 5:0 (3:0) kam man übel unter die Räder und musste somit das früheste Ausscheiden seit Jahren hinnehmen.

In der Champions-League taten sich die Bayern im Achtelfinalhinspiel gegen Salzburg nach einer überragenden Vorrunde mit 6 Siegen in 6 Spielen lange schwer. Das Rückspiel wurde aber mit 7:1 mehr als deutlich für sich entscheiden. Im Viertelfinale war dann nach einer 1:0 Hinspielniederlage und einem 1:1 im Rückspiel gegen den Favoritenschreck Villarreal Endstation.

Welche Folgen hat das Ausscheiden?

Der FC Bayern hat zwei seiner drei Saisonziele verpasst.

Das Ausscheiden in der Champions-League bedeutet, dass die eingeplanten Einnahmen von 12,5 Millionen Euro Prämien für den Halbfinaleinzug plus die Einnahmen aus dem Ticketverkauf des Heimspiels fehlen.

Außerdem werden die Transferpolitik und die Arbeit der handelnden Personen, sowie die Qualität des Kaders auf den Prüfstand gestellt.

Nach dem Rückzug der jahrzehntelangen Bayern-Führung Ulli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge steht das neue Führungsteam um Oliver Kahn und Hassan Salihamidžić, sowie der als Hoffnungsträger geholte Star-Coach Nagelsmann nun vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe.

Kaderanalyse

Wir stellen den Kader unserseits auf den Prüfstand und analysieren, wie es zu dem Ausscheiden kommen konnte und was nun zu tun ist. Dabei haben wir sechs Schwachstellen ausgemacht, die der FCB ausbessern muss, um zukünftig wieder um den Titel in der Champions League mitzuspielen.

Schwachstelle 1: Die Außenverteidigung.

Davies war über weite Strecken der Saison verletzt und hat die Form der Tripple-Saison dieses Jahr nicht erreicht.

Links verteidigte diese Saison oft Hernandez, der aber eigentlich als Innenverteidiger eingeplant ist. An seiner Leistung war der Misserfolg jedoch nicht auszumachen.

Auf Rechts verteidigte meist Benjamin Pavard, wenn Bayern mit 4er-Kette antrat.

Über Pavard ist alles gesagt: ein defensivstarker und souveräner Verteidiger, der sich aber als Innenverteidiger sieht und dem es an Offensivdrang und Flügelläufen mangelt.

Beim Rückspiel gegen Villareal verteidigten die Bayern mit 3er-Kette. Nichtsdestotrotz brauchen die Bayern dringend Verstärkung auf den defensiven Außen.

Einen Backup auf höchstem Niveau haben die Bayern auf dieser Position nicht. Im Kader besetzen diese Rolle Bounar Sarr, Omar Richards und Josip Stanisic.

Das ist in der Bundesliga schon nicht titelreif, international ganz sicher nicht.

Bereits bei den Bayern gehandelt wird Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui (24) von Ajax Amsterdam, der im Sommer ablösefrei zu haben ist und genau in das Profil der Bayern passt.

Er hat bereits einige Erfahrung, ist trotzdem noch jung und entwicklungsfähig. Mazraoui hat einen starken Offensivdrang und ist torgefährlich, vergleichbar mit Landsmann Hakimi, aber defensiv stabiler.

Unsere Empfehlung: Verpflichten!

Dazu könnten wir uns den Senkrechtstarter und Neu-Nationalspieler David Raum (23) bei den Bayern gut vorstellen. Ebenfalls jung, entwicklungsfähig, deutscher Nationalspieler und verhältnismäßig finanziell machbar. Raum könnte aus unserer Sicht überraschend wichtig für die Bayern werden und die Möglichkeit schaffen, Alphonso Davies auch auf dem offensiven Flügel einzusetzen.

Schwachstelle 2: Die Innenverteidigung

Die Innenverteidigung bildeten diese Saison häufig Dayot Upamecano und Niklas Süle oder Lucas Hernandez, wenn dieser nicht links spielen musste.

Hinter dem Stammtrio steht noch das französische Talent Nianzou im Kader.

Der ablösefreie Abgang von Alaba vor der Saison nach Madrid schmerzt mehr als gehofft.

Upamecano, vor der Saison aus Leipzig gekommen, zeigte eine durchwachsene Debütsaison. Gerade in wichtigen Spielen leistete er sich einige Schnitzer. Süle, der oft als weniger wichtig angesehen wurde, aber fast immer gespielt hat, verlässt den Verein nach der Saison ablösefrei. Ab der neuen Saison wird er ausgerechnet das Trikot des BVB’s tragen.

Gerüchteweise plant der FC Bayern mit Pavard in der neuen Saison im Zentrum. Wenn auch Hernandez zentral eingeplant ist, stehen also vier Innenverteidiger im Kader. Es fehlt aus unserer Sicht aber ein Fels in der Brandung, ein Abwehrchef, der die Defensive organisiert. In diese Rolle könnte ein Upamecano wachsen, der sicher das Potenzial hat, um bei den Bayern auf Jahre eine echte Größe zu werden.

Ein solcher Spieler könnte auch Nationalverteidiger Antonio Rüdiger sein.

Er ist mit 29 im besten Verteidigeralter, hat Führungsqualitäten und ist im Sommer ablösefrei.

Außerdem hat er bereits in Italien und beim FC Chelsea in England gespielt und ist damit international erfahren.

Aus diesen Gründen ziehen wir ihn dem ebenfalls ablösefreien Matthias Ginter vor, der eher ein spielstarker Verteidiger ist und den Bayern im Aufbauspiel guttun würde, aber nicht über die Ausstrahlung von Rüdiger verfügt.

Problemstelle 3: Umschaltspiel

Nicht nur die Spiele gegen Villarreal haben gezeigt, dass die Bayern Schwächen im Umschaltspiel haben. Dieses betrifft natürlich die ganze Mannschaft, insbesondere aber das Mittelfeldzentrum.

Joshua Kimmich und Leon Goretzka haben internationales Niveau, dahinter ist der Kader aber dünn. Der Vertrag von Tolisso läuft außerdem im Sommer aus.

Rocca und Sabitzer haben internationales Topniveau bei den Bayern noch nicht nachgewiesen.

Gehandelt wird für das Mittelfeldzentrum Ryan Gravenberch (19) von Ajax Amsterdam.

Gravenberch ist ein Box-To-Box Spieler, etwas vergleichbar mit Leon Goretzka, der defensiv absichern kann, aber auch einen starken Offensivdrang hat.

Gravenberch ist ein Toptalent, körperlich stark, ballsicher, spielintelligent und mit Balance zwischen Defensive und Offensive.

Bayern sollte unbedingt zuschlagen!

Wenn die Finanzen es zulassen, kann auch ein defensiver Abräumer im Mittelfeld dem Kader helfen.

Ablösefrei zu haben wäre z.B. Boubacar Kamara (22) von Marseille.

Problemstelle 4: Flügelstürmer

Die Flügel der Bayern sind nicht schlecht besetzt. Gnabry spielt eine anständige Saison, Coman zeigt recht regelmäßig ansprechende Leistungen und auch Sane hat Glanztage. Allerdings reicht keine der Kombinationen im Ansatz an das legendäre Duo Robben und Ribéry heran.

Sane ist nach wie vor zu unbeständig. Gnabry und Coman sind verletzungsanfällig. Alle drei müssen den Schritt zur absoluten, konstanten Weltklasse noch machen.

Das reicht, um sich für ein Champions-League Viertelfinale oder vielleicht auch Halbfinale zu qualifizieren. Für den Titel könnte es aber eng werden. Außerdem läuft der Vertrag von Gnabry 2023 aus und es gibt Abgangsgerüchte.

Möglicherweise könnte Davies, der ursprünglich offensiver Flügelspieler ist, das Problem intern beheben. Oder Musiala wird auf den Flügel gezogen. Andernfalls könnte Anthony (Ajax Amsterdam) eine Option werden.

Auch Nkunku wäre ein typischer Bayern-Transfer.

Der Franzose ist zwar nicht auf dem Flügel angestammt. Allerdings gilt er als offensiv variabel, kennt die Bundesliga und die direkte Konkurrenz kann durch einen Transfer geschwächt werden.

Problemstelle 5: Kadertiefe

Der Kader ist insgesamt zu dünn besetzt.

Wenn Stammspieler ausfallen, gibt es fast keinen gleichwertigen Ersatz.

Im Sturm ist der erste Ersatz für Lewandowski Choupo-Moting. Die einzige Position, die wirklich doppelt besetzt ist, ist das offensive Mittelfeld mit Müller und Musiala.

Die Bayern müssen dringend in der Breite nachbessern.

Problematisch ist hierbei allerdings, dass der FC Bayern sich einen Sparkurs auferlegt hat und lange nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten früherer Jahre hat. Kredite will der Verein für Transfers nicht aufnehmen, es sind also kreative Lösungen gefragt.

Problemstelle 6: Alternde Superstars

Drei zentrale Spieler haben die 30 weit hinter sich:

Kapitän Manuel Neuer (36), Toptorschütze Robert Lewandowski (33) und Topvorbereiter Thomas Müller (32).

Neuer war bereits in der Vergangenheit schwerer verletzt, Lewandowski liebäugelt mit einem Wechsel und sein Vertrag läuft 2023 aus.

Diese drei Spieler kaschieren derzeit noch häufig schwächere Auftritte der Bayern, das könnte sich in Zukunft aber ändern.

Einen Ersatz für Neuer zu finden scheint eine schwierige Aufgabe. Ob der verliehene Nübel diese Rolle je ausfüllen kann, ist fraglich.

Außerdem ist Neuer als Führungsspieler immens wichtig, auch wenn mit Kimmich, Goretzka und Co. Nachfolger bereitstehen.

Unser Tipp: Neuer hat noch zwei Saisons auf Toplevel in sich und wirkt körperlich fit. Die Bayern sollten aber die Augen offen halten nach Torhütertalenten.

Topstürmer auf dem Niveau Lewandowski sind rar und kostenintensiv.

Werner ist zu sehr Konterspieler, Lukaku als Gesamtpaket zu teuer, Jonathan David ist noch sehr jung und für einen Riskiotransfer sehr teuer. Haaland geht wohl nach England und ist für den Preis für die Bayern zu verletzungsanfällig.

Unser Tipp: Es gibt keinen gleichwertigen Ersatz für Lewandowski. Bayern sollte alles daransetzen, den Vertrag noch einmal zu verlängern. Wenn „Lewa“ nicht verlängern möchte, sollte Bayern mit ihm in das letzte Vertragsjahr gehen und dahinter langsam ein Toptalent aufbauen, das noch bezahlbar ist.

Die Salzburger Stürmer Sesko (18) und Adeyemi (20) und der Prager Hlozek (19) könnten passende Kandidaten sein.

Für Thomas Müller steht mit Jamal Musiala immerhin schon ein Nachfolger in den eigenen Reihen bereit und kann in Ruhe aufgebaut werden, auch wenn der Spielertyp Müller wohl einmalig ist.

Die Bayern der Zukunft

Der FC Bayern steht vor einem Umbruch und vor richtungsweisenden Transferperioden.

Es geht darum, dass die finanzielle Grundlage des Vereins gesichert wird und der FC Bayern gleichzeitig kein Verkaufsverein à la Borussia Dortmund wird oder den Anschluss an die internationale Spitze verliert.

Die Bayern müssen kreativ sein und Spieler finden, die bezahlbar sind und trotzdem innerhalb von einem oder zwei Jahren internationales Topniveau erreichen können.

Aus den Augen dieser Spieler sehen wir aber (noch) keinen Imageschaden bei den Bayern und denken, dass der FCB für diese Spielergruppe nach wie vor ein sehr attraktives Ziel darstellt.

Autor: Victor Jové